„Mein Freund ist Ausländer“ eine Kurzgeschichte von Alem F.

Dies ist der erste Beitrag in der neuen Reihe MerkurLiteratur, in deren Rahmen Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Texte veröffentlichen.

Vor genau einem Jahr kam Karim in meine Klasse. Karim kommt aus Syrien. Er verließ seine Heimat aufgrund des blutigen Krieges.

Als die Lehrerin Karim vorstellte, war er ziemlich nervös und ein bisschen ängstlich. Die Lehrerin bat ihn darum, kurz über sich zu erzählen, wie alt er ist und solches Zeug. Aufgrund seiner hohen Nervosität versprach sich Karim einige Male und machte Grammatikfehler. Daraufhin fingen alle aus der Klasse an, ihn auszulachen. Alle bis auf einen, nämlich mich. Nach der unangebrachten Aktion setzte sich Karim alleine in die hinterste Reihe auf einen halb kaputten Stuhl und blieb den ganzen Unterricht lang still. In der Pause beobachtete ich Karim aus weiter Entfernung. Er saß mit seinem jüngeren Bruder auf einer abgelegenen Bank im Pausenhof. Sein Bruder weinte; Karim versuchte ihn zu trösten. Ich weiß nicht, warum er weinte, aber ich kann mir vorstellen, dass auch seine erste Schulstunde nicht gut lief, genauso wie Karims. Ich überlegte, ob ich mich dazu setzen sollte, um mit ihnen zu reden. Doch genau in diesem Augenblick kam Peter zu mir, mein Klassensprecher. „Schau dir mal diese Ausländer an. Sie bleiben nur unter sich und mögen uns Deutsche überhaupt nicht!“ Ich fragte ihn, woher er das wissen wolle. Gerade er als Klassensprecher sollte er sich vergewissern, ob es Karim und seinem Bruder gut geht.

Peters Satz ging mir während des Schultages nicht mehr aus dem Kopf. Ausländer mögen keine Deutschen… Stimmt das tatsächlich? Ich habe keinerlei ausländische Freunde und Karim kommt sogar aus einem Land, das sich in einem unmenschlichen Kriegszustand befindet. Dies wissen die meisten aus meiner Klasse nicht einmal. Ich kann mir gut vorstellen, dass Karim Menschen verloren hat, die ihm sehr nahestanden. So einen kann man doch nicht auslachen, egal wie gut oder schlecht sein Deutsch ist – schließlich lebt er noch nicht lange in Deutschland. Es ist immer am einfachsten, jemanden für seine Fehler bloßzustellen, anstatt ihm zu versuchen, ihm zu helfen und ihn freundlich auf Fehler hinzuweisen.

Nach der Schule begegnete ich Karim erneut auf meinem Nachhauseweg. Ich sprach ihn an und fragte, ob wir gemeinsam laufen sollten. Er war ein wenig überrascht, dass ich ihn so plötzlich ansprach, aber andererseits schien er auch froh. Wir unterhielten uns und nach einer Weile verriet mir Karim, dass er gemeinsam mit seiner Mutter und seinem Bruder in einer kleinen Wohnung lebt. Er habe noch einen älteren Bruder, dem die Flucht aus Syrien leider nicht gelungen ist. Sein Vater sei in der Armee. Das machte mich sehr traurig. So etwas ist in Deutschland unvorstellbar. Immer wieder betonte er, wie sehr es ihm in Deutschland gefalle und dass er sehr glücklich darüber sei, hier Asyl bekommen zu haben. Dennoch vermisse er seine Heimat, aber über eine Rückkehr denke er nicht nach.

An einer Kreuzung endete unser gemeinsamer Weg. Kurz bevor wir uns verabschiedeten, sagte er: „Danke, dass du nicht ausgelacht hast.“ Von diesem Tag an trafen wir uns regelmäßig und wurden schließlich Freunde.